28 Jahre deutsche Einheit: ein persönlicher Beitrag

Am 03. Oktober ist für mich wieder ein Tag zum Feiern. Da jährt sich wieder die deutsche Einheit. Kein Tag hat mein persönliches Leben derart stark beeinflusst. Ein paar persönliche Zeilen.

Persönliches Empfinden

Die deutsche Einheit und die friedliche Revolution ist eines der einschneidendsten Ereignisse für viele Menschen in Ost- und Westdeutschland. Ich selbst war damals noch ein Baby und hatte demzufolge keinen Einfluss auf die Geschehnisse. All mein Wissen darüber habe ich aus Erzählungen von Familie und Schule und aus Reportagen im TV. Und auch wenn ich die DDR nicht selbst aktiv erlebt habe, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit im vereinigten westlichen Deutschland aufgewachsen zu sein.

Denn woran ich mich noch gut erinnere, sind die frühen 90er Jahre, die dem DDR-Leben vielleicht noch ähnelten. In diesen Jahren war die Wiedervereinigung noch jung und wurde zudem durch einen noch nicht dagewesenen Niedergang begleitet. Die Arbeitslosigkeit stieg rasant, auch meine Familie war davon betroffen. Millionen Menschen sahen sich gigantischen Herausforderungen gegenüber. Unternehmen mit tausenden Mitarbeitern hörten einfach auf zu existieren. Ganze Berufsgruppen wurden nicht mehr benötigt und standen vor den Scherben ihrer Existenz. Dies ging mit einer großen Auswanderungswelle einher. Über zwei Millionen gut gebildete Menschen verließen die neu gegründeten Bundesländer und ließen eine orientierungslose und teils gefrustete Bevölkerung hinter sich.

Das war die Ausgangssituation mit der ich aufwuchs. Dadurch lernte ich aber wichtige Lektionen. Denn trotz des anfänglichen Niedergangs, ging es danach rasant aufwärts. Unsere Städte wandelten sich allmählich. Von grauen und trostlosen Wohnstädten zu bunten und lebendigen Quartieren. Überall wo es etwas zu erneuern gab, wurde Hand angelegt. In Chemnitz gibt es ein Viertel, den Kassberg, das eines der größten Jugendstil-Viertel in Europa ist. In den 90er Jahren erfuhr er einen unglaublichen Aufschwung und wurde nahezu flächendeckend saniert. Besucher die Chemnitz mit eher grauen und gesichtlosen Plattenbauten verbinden, sind regelmäßig erstaunt, welche schöne Stadt Chemnitz sein kann.

Niedergang und Aufschwung

Überhaupt ist meine Heimatstadt Chemnitz ein gutes Beispiel für den Aufstieg, den der Osten nach der Wiedervereinigung hinlegte. Nach der nahezu vollständigen Zerstörung der Innenstadt im 2. WK und den planlosen Bau-Sünden der DDR-Zeit, stand Chemnitz ohne wirkliche Innenstadt da. Dort wo sich früher enge Straßen wunden und kleine Stadtplätze von geschäftigem Treiben gefüllt waren, klafften bis 1990 überdimensionierte Straßen und Wiesen im Herz der Stadt. Nach der Wende wurde dann mit Städtebaumitteln die ganze Innenstadt neu geordnet. Dabei orientierte man sich am alten Stadtgrundriss und errichtete eine völlig neue Innenstadt. Es war damals die größte deutsche Baustelle nach dem Potsdammer Platz in Berlin. Heute ist die City zwar noch immer nicht fertig, und es wird sicher weitere 10 Jahre dauern, aber sie ist deutlich geschäftiger und von den Einwohnern angenommen. Die wenigen historischen Bauwerke werden nun durch moderne Gebäude ergänzt und so muss sich Chemnitz nicht mehr verstecken. Nachdem Chemnitz nach der Wende über 60.000 Einwohner verlor, steigen die Bevölkerungszahlen seit 2014 wieder kontinuierlich an und es wird wieder an jeder Ecke gebaut und investiert.

Die Chemnitzer Innenstadt Ende der 80er Jahre – gesichtlose Gebäude, viel Platz, Straßen und Wiesen | Fotografie: Bartel

Doch zurück zu den Lektionen, die ich dadurch lernte. Die Beispiele in meinem Umfeld, haben mir eines ganz besonders verdeutlicht: es liegt alles in deinen eigenen Händen. Wir leben nun in einem System, indem es möglich ist, durch gute Arbeit alles zu erreichen was man sich vornimmt. Und dieser Gedanke begleitet mich seit Jahren.

Die Chemnitzer Innenstadt heute. Noch nicht fertig, aber sehr lebenswert. | Fotografie: Stadt Chemnitz

Natürlich ist noch längst nicht alles gut „im Osten“. Zwar sind unsere Städte saniert und Straßen und Autobahnen besser als in manchem westlichen Gebiet. Auch unsere Arbeitslosigkeit ist von teils 25% auf 7% gesunken. Gleichzeitig ist aber die (gefühlte?) Armut gestiegen. Es gibt zudem einen Teil der Bevölkerung, der mit den Änderungen nicht zurecht kam und, der wohl auch zukünftig vom Aufschwung nicht mehr profitieren wird. Sei es, weil sie sich nicht schnell genug anpassen konnten, oder weil sie zu viel verloren haben. Das System der DDR hatte auch gute Seiten. Niemand wurde zurückgelassen.

Unendliche Möglichkeiten

Dennoch sind die Möglichkeiten, die unserer Generation gegeben wurden, gigantisch. Nach Ausbildung und gutem Job, konnte ich mit meinem Freund ein Unternehmen gründen, dessen wirtschaftlicher Erfolg einzig von unserer guten und harten Arbeit abhängt. Wir können Menschen beschäftigen, die unsere Werte, Visionen und unser Engagement teilen und wir können so Produkte entwickeln, die von unseren Kunden gern genutzt werden und die echte Probleme lösen.

Ich kann überall hin reisen wie z. B. nach Asien und von dort arbeiten. Ich genieße freie und vielfältige Medien, kann mir meine Meinung selbst bilden und diese völlig frei kundtun. Ich brauche keine Angst vor dem Staat haben, sondern kann darauf vertrauen, dass er fair und gerecht handeln wird.

Diese Möglichkeiten weiß ich ehrlich zu schätzen und ich bin sehr froh in diesen Zeiten und mit diesen Möglichkeiten aufgewachsen zu sein. Insofern ist der 3. Oktober und die deutsche Einheit ein echter Feiertag für mich.

Die deutsche Einheit schätzen lernen

An die Adresse der Menschen, die in Deutschland und besonders in den neuen Ländern in letzter Zeit Ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, wie kürzlich auch in Chemnitz, kann ich nur sagen: Erinnert euch daran, was wir zusammen erreicht haben, was Ihr selbst mit der Wiedervereinigung und seither erreicht habt. Wo wir herkamen und was wir zusammen noch erreichen können. Erinnert Euch daran, dass wir 1990 alle (System-) Flüchtlinge waren und, dass wir mit offenen Armen und mit bisher über 2.000 Mrd. EUR empfangen wurden.

Die Angleichung von Ost-West wird wirtschaftlich vielleicht nie vollzogen werden. Ich glaube aber, dass die Nachwende-Generation zumindest gesellschaftlich bereits vereinigt ist und, dass alles Weitere auch noch kommen wird.

Am 03. Oktober ist Tag der deutschen Einheit, für mich der wichtigste Feiertag im Jahr und vielleicht der wichtigste Tag in meinem Leben.

Vielen Dank.

Lars Lehmann


Disclaimer:
Dies ist ein persönlicher Beitrag von Lars Lehmann, einem Geschäftsführer von Stadt.Land.Netz. Der Beitrag besitzt keine Ansprüche auf Vollständigkeit oder fehlerfreie historische Belegung. Die geschriebenen Meinungen sind nicht in der Arbeit von Stadt.Land.Netz entstanden, spiegeln aber die Werte des Unternehmens wieder.

Über den Autor

Lars Lehmann
Lars Lehmann

Lars Lehmann ist Mitgründer und Geschäftsführer bei Stadt.Land.Netz. Er hat zehn Jahre in verschiedenen Positionen regionaler Behörden gearbeitet und verantwortet nun die Bereiche Produkt und Entwicklung bei SLN.